Ihre Gesundheit: Hunger im Überfluss

Anorektische und bulimische Essstörungen
Anorektische und bulimische Essstörungen betreffen vor allem junge Frauen in Industrieländern. Bei der Anorxia nervosa führt die gezielte Nahrungsrestriktion zum teilweise lebensbedrohlichen Untergewicht. Dagegen ist die Bulimia nervosa durch Essattacken und anschließendes induziertes Erbechen gekennzeichnet. Am häufigsten sind jedoch atypische Essstörungen oder Mischformen, die durch das krankhafte Essverhalten auch zum übergewicht führen können. Zur Therapie gibt es nur wenige Evidenz-basierte Studien.

Anorexa competitiva
Die jüngste Variante der Essstörungen
Nicht jede junge Frau, die aus freier Entscheidung extrem hungert, ist psychisch krank und leidet an Anorexia nervosa. Hinter dem Nahrungsverzicht kann auch eine sportliche oder berufliche Wettbewerbssituation stecken, von der sie sich herausgefordert fühlt. Dann sollte man von „Anorexia competitiva“ sprechen. Durch den neuen Terminus wird das nosologische Konzept der Magersucht aktualisiert.

Anorektische und bulimische Essstörungen sind bei adoleszenten Mädchen und jungen Frauen häufig, sie sollten dfrühzeitig erkannt werden. Da die Betroffenen nur wenig Krankheitseinsicht haben, suchen sie selten von sich aus Hilfe. Die Ursachen sind vielfältig, klischeehafte Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen sollten unterbleiben. Für die Diagnose genügen in der Regel eine sorgfältige Erfassung der Vor- und Krankengeschichte - ggfs. unter Einbeziehung der Angehörigen - sowie die gründliche körperliche Untersuchung. Komplikationen entstehen durch das teils drastische Untergewicht und krankhafte Verhaltensweisen, wie z.B. häufiges Erbrechen. Die Folgen können lebensbedrohlich sein. Für die Therapie stehen neben den akuten Maßnahmen bei vitaler Bedrohung v.a. psychotherapeutische Verfahren zur Auswahl.

Mehr Infos online !

Deutsche Gesellschaft für Essstörungen DGESS: www.dgess.de

Bundesfachverband Essstörungen BFE: www.bundesfachverbandessstoerungen.de

Beratungsstelle für Essgestörte: www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de

Beratungsstellung und therapeutische Wohngruppen: www.anad-pathways.de

Beratungs- und Informationsserver der Deutschen Forschungsinitiative Essstörungen e.V.: www.ab-server.de

Anorexa competitiva
Die jüngste Variante der Essstörungen

Radikaler Nahrungsverzicht weckt Neugier; Magerkeit löst Bewunderung aus – vor allem in Regionen und Zeiten, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung Übergewicht hat. Die Kulturgeschichte des extremen Fastens ist auch ein Kaleidoskop des Perfektionismus und der schauspielerischen Darstellung. Das religiös motivierte Fasten des Mittelalters sollte die Fähigkeit zu schonungsloser Askese demonstrieren. Die konsequente Nahrungsverweigerung der sogenannten Hungerkünstler und Wundermädchen wurde zu kommerziellen Zwecken genutzt.

Nicht erst heute
Aus dem 16. bis 19. Jahrhundert sind eine Reihe von jungen Frauen bekannt, die – durch monatelanges Fasten und dessen Folgen für ihre äußere Erscheinung auffällig geworden – von Besuchern und Verehrern Geschenke erhalten und so zumindest zeitweise ihren Lebensunterhalt bestritten haben. Das holländische Fastenwunder Engeltje van der Vlies brachte es sogar zum Eintrag als Kuriosum in einem Reiseführer. Im Sommer 1826 besuchten mehr als tausend Bewunderer den Ort, wo die damals 39-Jährige lebte, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass es ihr unmöglich war, etwas zu sich zu nehmen.

Auch einige Männer sind auf diese Weise bekannt geworden. Der Italiener Giovanni Succi (geboren 1853) trat von seinem 33. Lebensjahr an in den Metropolen Europas auf, um seine Hungerkunst vorzuführen. In der ersten vier Jahren seiner Karriere soll er 32 Fastenexperimente mit einer Dauer von jeweils 20 bis 30 Tagen unternommen haben. Dazu lies er sich jeweils in einer Art Zelle einschließen und ununterbrochen von einer Jury beaufsichtigen. Den letzten Versuch, seinen eigenen Hungerrekord zu brechen, unternahm er im Alter von 71(!) Jahren.
Die bizarre Form des Hungerdivertimento verschwand Ende der 1920er Jahre von den Straßen – nicht ohne dass einige der Darsteller die Rekordjagd mit dem Leben bezahlt hatten.

Vom Marktplatz auf den Laufsteg
Heute wird die überschlanke Linie auf anderen Bühnen verkauft. Die Akteure haben gewechselt. Aber das Risiko für die Gesundheit ist geblieben.
In den beiden vergangenen Jahren sind drei anorektische Mannequins trotz stationärer Behandlung den Folgen ihrer Erkrankung erlegen. Die offizielle Todesursache lautete „plötzlicher Herztod“ bzw. „Multiorganversagen“. Sie hatten in den letzten Monaten ihres Lebens nur Rohkost und Diätgetränke zu sich genommen und waren auf etwa 40 Kilogramm abgemagert.
Ein ähnlich geringes Körpergewicht hatte Lesley Hornby alias Twiggy, die Mitte der 1960er Jahre als „Mikadomodel“ zu einiger Berühmtheit gelangte.

Modebranche reagiert
Die tragischen Todesfälle lösten großes Interesse bei den Medien und Blitzreaktionen in der Modebranche aus. Extrem untergewichtige Mädchen wurden kurzfristig von der Teilnahme an Modenschauen ausgeschlossen. In Italien forderte man, dass Mannequins den Laufsteg nur noch dann betreten dürften, wenn sie ein ärztliches Zeugnis vorlegten, das ihnen einen guten Gesundheitszustand bescheinige und ihr Body-mass-Index (BMI) den Wert von 18 nicht unterschritt. Sponsoren der Modeszene drohten mit massiven Kürzungen, wenn weiterhin bleistiftdünne Mädchen auf den Catwalks defilieren sollten.

Risiko – nicht nur für die Models
Konsequenter langfristiger Verzicht auf energetisch ausreichendes Essen und Trinken ist nicht nur für die Mannequins zu einem wesentlichen Lebensinhalt geworden. Viele Mädchen und junge Frauen nehmen zeitweise keine oder nur sehr wenig Nahrung zu sich, um dem als perfekt empfundenen Äußeren der Models möglichst nahe zu kommen. Die ätherischen Gestalten des Catwalks sind eine so starke Herausforderung an das Ego, dass Hungern unausweichlich wird. Teenager-Zeitschriften und die Werbung für die Produkte des sogenannten gehobenen Bedarfs kultivieren diese Tendenz. Von den rund acht Millionen Magersüchtigen in den Vereinigten Staaten sind sieben Millionen Frauen und davon 90% jünger als 20 Jahre. Grazien werden nicht nur für ihren starken Willen bewundert, sondern gelten auch als im Beruf durchsetzungsfähiger und gesellschaftlich besondert angesehen.

Vier von 5 Frauen glauben, sie würden mehr Erfolg im Leben haben, wenn sie superdünn wären. Jede zweite findet sich auch dann noch zu dick, wenn sie Dank harten Trainings und spartanischer Lebensweise auf der Waage das als Ideal angesehene Gewicht erreicht hat.
Die Schlankheitskonkurrenz auf den Laufstegen ist keine Variante der Anorexia nervosa, auch wenn manche Models einzelne Züge der Erkrankung aufweisen. Nicht ein psychosomatisches Leiden, sondern der Kampf um die Anerkennung im Beruf fordert das Hungeropfer. Das Körpergewicht wird nicht deshalb reduziert, weil eine Abneigung gegen das Esse besteht, sondern um perfekt auszusehen.

Anorexia nervosa
Ganz im Gegensatz dazu meiden Mädchen und Frauen, die an Anorexia nervosa erkrankt sind, Kleidung, die viel Haut zeigt. Sie hüllen sich lieber in weite Jacken und Mäntel, um die vorspringenden Knochen zu verdecken. Die anorektische Schauspielerin Isabelle Caro, die gerade 31 Kilogramm wiegt und kürzlich in Italien für eine öffentliche Kampagne gegen die Krankheit („No Anorexia“) nackt posierte, ist eine Ausnahme von der Regel.

Anorexia athletica
Auf die professionelle Form der Magersucht trifft man auch bei Sportlern. In manchen Disziplinen verschafft niedriges Körpergewicht, kombiniert mit Geschmeidigkeit und hoch entwickelten motorischen Fähigkeiten, einen erheblichen Vorteil gegenüber den Konkurrenten. Es macht die Teilnahme an Wettkämpfen mit Aussicht auf einen Spitzenplatz überhaupt erst möglich. Deshalb werden auch immer mehr Teenager zu Wettkämpfen entsandt, weil sie bei gleicher Körpergröße leichter sind.

Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in des ästhetischen Sportarten (Turnen, rhythmischen Sportgymnastik, Eiskunstlauf, Skispringen, Wasserspringen sowie in Akrobatik, Ballett und tanz). Ein BMI zwischen 15 und 17 ist bei Turnerinnen und Gymnastinnen der Weltklasse die Regel und nicht die Ausnahme.

Für die trainings- und wettkampfassoziierte extreme Kalorienrestriktion im Leistungssport hat man in der ersten Hälfte der 1990er Jahre den Terminus Anorexia athletica geprägt und in die Sportdiätetik und Sportpsychologie eingeführt. Die Pionierarbeit wurde an der Universität für Sport und Körpererziehung in Oslo geleistet.

Nach den Untersuchungen der Norweger leiden die mageren Elite-Athletinnen nur ausnahmsweise an einer präexisten Essstörung oder Konflikten bei der Wahrnehmung des eigenen Körpers, die als typische Pubertätsmagersucht zu deuten wären. Der entscheidende Triggerfaktor für den Nahrungsverzicht und dessen Dimensionen ist vielmehr das Anforderungsprofil der gewählten Sportart.

Der Ballsport und die technischen Disziplinen sind weniger stark betroffen als der Ausdauersport und die ästhetischen Disziplinen. Dabei besteht kein Unterschied zwischen Mannschaftssportlern und Einzelkämpfern. Je früher mit dem Wettkampftraining begonnen wird, desto stärker ist der Wille zum Hungern. Das Körpergewicht und die Proportionen der Spitzenkönner werden für die Betroffenen zum Maßstab für die Kalorienplanung. Um die Entsagungen durchhalten zu können, sind viele auf den Beistand der Trainer und anderer enger Bezugspersonen angewiesen.

Je härter das Training, um so beharrlicher das Fasten, d.h. in den letzten Wochen vor dem Wettkampf wird besonders brutal gehungert. Wellenartige Schwankungen des Körpergewichts – wenn auch auf sehr niedrigem Niveau – sind daher die Regel. Die für Anorexia nervosa typischen Heißhungerattacken mit unbeherrschter Nahrungsaufnahme und anschließendem Erbrechen fehlen bei den streng fastenden Athletinnen.

Anorexia competitivia
Die Hungerszenarien und Magerkeitsrivalitäten in der Welt der Models und im Spitzensport weisen erstaunliche Parallelen auf. Auch andere Wettbewerbssituationen, in denen für den erhofften professionellen, Erfolg langfristig auf energetisch ausreichende Ernährung verzichtet wird, fallen unter diese Kategorie. Dazu gehören beispielsweise die Vorbereitungen auf ein Auswahlverfahren für bestimmte figurbetonte Rollen in Filmen im Fernsehen oder auf der Bühne (Cabaret, Eisrevue).

Unterschied Anorexia nervosa und competitiva
Die bisher gebräuchliche Klassifizierung der Magersucht berücksichtigt diese Varianten nicht angemessen. Um die notwendige Erweiterung des nosologischen Konzepts im Fachwortschatz sichtbar werden zu lassen, liegt es nahe, den Terminus Anorexia athletica zu verlassen und durch einen Begriff zu ersetzen, der die jüngsten Entwicklungen der nichtpsychogenen Magersucht eingliedert. Dafür bietet sich Anorexia competitiva an.

Das neue Fachwort berücksichtigt besser als sein Vorgänger den Wettbewerb und das Streben nach Spitzenleistung als wesentlichen Impuls für den konsequenten und schonungslosen Nahrungsverzicht und ist universell, d.h. nicht nur auf Sportler anwendbar.

Die Diagnose Anorexia competitiva liegt dann nahe, wenn sich Mädchen und junge Frauen im Hinblick auf die Wahl einer beruflichen oder sportlichen Aktivität, bei der extreme Schlankheit Voraussetzung für den Erfolg ist, und/oder vor der Auswahlentscheidung in der gewählten Disziplinbedingungslos kasteien.

Drastische Maßnahmen
Der Nahrungsverzicht wird durch teilweise drastische abführende Maßnahmen und die Einnahme von Medikamenten, die den Appetit zügeln und gleichzeitig die Leistungsbereitschaft steigern, ergänzt und kulminiert in sogenannten Crashdiäten. Die Anorexia competitiva kann jahrelang bestehen, kommt aber im Gegensatz zur Anorexia nervosa zum Stillstand, wenn die Herausforderung durch den beruflichen Wettbewerb entfällt, d.h. gegen Ende der Karriere.

Übergangsform
In den Hungerjahren haben die betroffenen Mädchen und Frauen mit Menstruationsstörungen, reduzierter Mineralisation der Knochen und einem gesteigerten Risiko für unfallbedingte Verletzungen zu rechnen. Dieser Komplex von Symptomen hat vom American College of Sports Medicine die Bezeichnung „The female athlete triad“ erhalten. Mit dem terminologischen Übergang von der Anorexia athletica zur Anorexia competitiva sollte man künftig von „The female competitive triad“ sprechen.

Klinische Manifestationen
Die Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse bei überschlanken Mädchen und Frauen kann vielfältige Folgen haben: späte Menarchie, Oligomenorrhö, Amenorrhö, Anovulation und Verkürzung der Lutealphase. Die Kalksalzarmut des Skeletts ist vor allem für die sportlich Aktiven unter den Magersüchtigen gefährlich, weil sie durch das Training und in den Wettkämpfen grundsätzlich einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Dabei werden besonders die Ermüdungsbrüche gefürchtet. Diese entstehen ohne akute Verletzung durch ein Missverständnis zwischen mechanischer Beanspruchung und Anpassungsfähigkeit. Man beobachtet sie am häufigsten am Schien- und Fersenbein. Aber auch die untere Wirbelsäule kann betroffen sein. Sonst nicht erklärbare tief sitzende Rückenschmerzen der Athletinnen können durch eine Stressfraktur des Kreuzbeins bedingt sein.

Nicht jeden Tag auf die Waage
Spitzensportler bleiben vor den deletären Folgen der Magersucht bewahrt, weil die Betreuer um die Bedeutung der richtigen Ernährung für die sportliche Leistung wissen, entsprechende Instruktionen geben und darauf achten, dass sie befolgt werden.

Vielen anderen Mädchen und Frauen, die als Reaktion auf berufliche Herausforderungen oder sozialen Druck nur ein Minimum an Kalorien zu sich nehmen, fehlt eine sachverständige Vertrauensperson. Um vor körperlichen Schäden und Krankheit bewahrt zu bleiben, sollten sie drei fundmentale regeln beherzigen:
1. Auch die kalorienreduzierte Diät muss eine Mischkost sein. Auf Kohlenhydrate und reichlich Flüssigkeit darf nicht verzichtet werden.
2. Dauerhaft mäßig zu hungern ist besser als periodisch gar nichts zu essen.
3. Nicht täglich auf die Waage steigen. Das Körpergefühl zählt mehr als das Körpergewicht.

Quelle: PHOENIX 3/2008; Autor: Prof. Dr. med. Werner A. Golder

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